Mir träumte von Sibyllenort. Als ich erwachte, war der ganze Traum deutlich vor mir, was selten der Fall ist, ich schlafe in der Regel tief und traumlos. Aber heute Nacht war ich in Sibyllenort.
Sibyllenort ist ein Ort aus der Vergangenheit, ein Ort aus einer anderen Zeit, wie ein Märchenschloss, das Märchenschloss meiner Kindheit. Oft habe ich diesen Namen aus dem Munde meiner Omi gehört, wenn sie mir aus ihrer Jugend erzählte. Sibyllenort steht vor meinem inneren Auge wie verzaubert und gleichzeitig eingefroren, wie das Märchenschloss in dem Dornröschen hundert Jahre schlief.
Doch was war mit Sybillenort geschehen in dieser Nacht?

Ich möchte Sibyllenort noch eine wenig besser aufleben lassen. Es existierte wirklich, es ist ein Ort im alten Schlesien, in dem meine Omi aufwuchs, vor dem zweiten Weltkrieg. Hier lebte sie einige Jahre ihrer Jugend und als ich Kind war, da hat sie mir oft aus diesem Leben erzählt. Immer schwang soviel Trauer und Sehnsucht in ihren Erzählungen mit, die Sehnsucht nach einem verlorenen Leben, einer vergangenen Welt, nach der Heimat, wo es zwar auch nicht alles gut gewesen war, aber doch immerhin heiler als jetzt, nach diesem fürchterlichen Krieg, nach der Flucht, nachdem sie alles verloren hatte und unwillkommen in der Fremde überleben musste.
Sibyllenort hatte für mich als Kind schon einen Wortklang, der irgendwie träumerisch klang und ich sehe vor meinem inneren Auge dieses Schlösschen, mit seinen kleinen Türmchen und Zinnen, inmitten einer herrlichen Parkanlage, eingebettet in Wiesen und Wälder, wieder auferstehen. Es ist umgeben von großen stattlichen Bäumen, solche, wie wir sie heute kaum mehr kennen, wie sie aber auf den Gemälden der Romantiker noch zu sehen sind. Breite, ausladende Kronen, ungewöhnliche Formen, verwunschene Wesen.
Nahe dem Schlösschen liegt ein See, in dem es sich unwirklich spiegelt, umgeben von herrlichen Trauerweiden und vor meinem inneren Kinderauge erwachten, während ich den Worten meiner Omi lauschte, die Nymphen, die an diesem Wasser lebten, spielten und kicherten.
Es war nicht nur das verzauberte Schlösschen das mir gefiel, es war diese wunderschöne, kraftvolle und belebte Natur, von der es umgeben war, die es mir so besonders angetan hatte.
Heute Nacht also lief ich im Traum durch eine mir unbekannte Gegend und es fühlte sich an, als würde ich auf einer Landkarte herumlaufen, fast so, als stünden die Straßennamen auf der Straße geschrieben, so flach und nichts sagend war es dort. Nur ein Spielfeld, als ginge man wie eine Figur durch die Monopoly Welt.
Ich war mit meinem Mann unterwegs und da es nicht besonders schön war schlug er vor, dass wir den Ort wechseln. Ich war einverstanden, wollte aber kurz noch „um die Ecke schauen“, dann da wäre, so meinte ich Sibyllenort und wo wir schonmal da sind, könnte ich mir das jetzt mal ansehen. Ich schaute also um die Ecke, tatsächlich war hier direkt die Straße zu Sibyllenort und was ich sah, waren Teile eines alten, herrschaftlichen Hauses, an das ein modernes Gebäude angebaut worden war. Ein großes Gebäude mit sehr viel Glas und etwas Stahl. Architektonisch interessant gelöst, diese Verbindung zwischen historisch und modern.
Das alte Haus war wohl zerstört worden, oder zerfallen über die Jahre, es waren nur noch Fragmente vorhanden, an die das moderne Gebäude anschloss. In diesem alten Haus, so wusste ich, hatte meine Familie gelebt und plötzlich sah ich, dass an dem modernen Gebäude, das beinahe wie ein Museum wirkte, der Name meines Urgroßvaters in großen Lettern stand: ERNST RITSCHEL.
„Ach was, haben sie ihm nun doch ein Museum gebaut?“ dachte ich und war überrascht, fand es aber auch irgendwie angebracht. Ernst Ritschel war Architekt gewesen und ich dachte, dann ist es doch gut, dass ihm hier eine Architektur gewidmet worden ist.
Nun wurde mir merkwürdig zumute. Ich blickte mich um und stellte fest, dass rings um mich herum eine Stadt entstanden war, oder vielleicht war sie noch im Begriff zu entstehen, denn sie war leer und unbelebt. In keinem dieser Häuser waren Menschen, sie warteten noch auf ihre Bestimmung. Sie waren nicht schön. Ich konnte das ganze Gebiet, es war ein großes Gebiet, aus der Vogelperspektive sehen und es waren langweilige, gleichförmige Straßenzüge, mit seelenlosen, Häusern. Häuser ohne Gesicht und Charakter. Keine Schönheit, reine Funktionalität. Leere, tote Fensterlöcher die mich gleichgültig aus grauen Fassaden anblickten.
Weit und breit kein Baum durch den der Wind streicht, keine Blume die ihr Glück zwischen den Pflastersteinen sucht, kein Vogel, wo sollte er auch sitzen?Kein Mäuschen, kein Wasser, keine Bewegung, kein Geräusch, kein Leben.
Aber alles sauber und klar strukturiert und neu.
Fassaden die keine Schönheit haben werden, wenn die Zeichen der Zeit ihnen zusetzen. Alles was mit ihnen passieren wird ist, dass sie hässlich werden, noch hässlicher als jetzt.
Wie merkwürdig, dass diese Stadt um mich herum entstanden ist.
Wie konnte aus dem zauberhaften, aus Schönheit gestaltetem und in die lebendige Natur gebetteten Sibyllenort diese City werden? Was war nur geschehen?
Geschieht es überall? Verabschieden wir uns von der lebendigen Natur und ihrer Schönheit? Haben wir nicht nur die Fertigkeiten zur Gestaltung verlernt, sondern auch das Empfinden für Schönheit? Wächst dieses Empfinden für Schönheit vielleicht aus der Berührung mit dem lebendigen Wesen der Natur, aus der Verbindung zu ihr, aus dem Fühlen des Wesenhaften in lebendigen Materialien?
Ein unsanftes Erwachen.

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Sibylle (Samstag, 16 August 2025 12:51)
mich hat Dein Traum in einem Moment berührt, in demich denke: alle Anderen( spirituellen Leute) scheinen ihren weg gefunden zuhaben,: den Weg der Verbindlichkeit---konkrete Vorlieben, Aufgaben und ich hab sooo viele Zweifel....Ich habe einmal einen Kontakt mit einem Baum gehabt---nach einer meditation...Nun im Kontakt mit Bäumen, den ich immer suche, habe ich noch nie eine Antwort bekommen....Marko Pogagnik , der Erdheiler, hat mal gesagt, die Schönheit der äußeren Natur wird verschwinden....Das fand ich sehr traurig, weil ich mich dieser Schönheit so verbunden fühle......Was die Sibylle ( ich heiße so) und auch noch so geschrieben angeht...war ich so voller Hoffnung und nun endet der Traum so.....ich kann nur dazu sagen: wenn für mich der Faden der Schönheit der Natur, den ich noch- erlebe reißt, dann ist es wie mein eigener Tod. Was mich beschäftigt: es ist ja sooo dringlich, dass ich finde, was ich speziell als Sibylle zu sagenhabe...und da bin ich sooo blockiert.....liebe Christa alles Liebe
Christa (Samstag, 16 August 2025 19:26)
Liebe Sibylle, danke für deine Offenheit. Mir geht es ähnlich, ich erlebe es wie ein Sterben. Allerdings fühle ich dieses Jahr seit langem zum ersten Mal wieder mehr Leben in der Natur in Deutschland, geht es Dir nicht auch so? Da ist ein Faden, der geht zu Ende, aber irgendwie ist da auch eine neue Energie so schein mir.
Wir alle gehen durch ein tiefes Tal glaube ich. Vielleicht erlebt jeder seine "dunkle Nacht der Seele" und das ist wirklich nicht schön, ich finde da braucht man nicht drum rum reden.
Wir werden zu unserer Menschlichkeit geführt durch die Konfrontation mit dem Unmenschlichen. Vielleicht werden wir auch das wahre Leben entdecken, durch die Konfrontation mit dem Sterben? Denn sind wir ehrlich, wer von uns kann von sich behaupten wahrhaft lebendig zu sein?
Deine Berührtheit ist so wichtig Sibylle. Gefühle sind das was uns lebendig sein lässt, ob sie nun schön sind, oder nicht. Du bist weder besser noch schlechter verbunden als irgendwer anders. Du brauchst auch keine Quelle suchen. Was wäre, wenn Du noch nicht mal blockiert bist? Was, wenn Du einfach so sein darfst wie Du bist, ohne Druck Dich entwickeln, verändern, verbessern zu müssen? Du hast so ein riesengroßes Herz Sibylle, da ist soviel Liebe und Mitgefühl, Du bist schon für so viele ein Segen gewesen. Unterschätze Deinen Einfluss nicht! Alles Liebe für Dich, Christa
Sibylle (Freitag, 29 August 2025 09:21)
danke Christa, das hat mir gut getan, wie Du sprichst.Wie kann das sein, dass ich mich so anders erlebe. Ich erlebe immer Kraft trost, Ermutigung in der Natur. Früher und auch jetzt.Es ist sooo ein Geschenk, dass sie da ist.Ich möchte so gern was für sie tun. Vielleicht ist es schon was, wenn ich mich an ihr freue.Manchmal, wenn es mir nicht gut geht, gehe ich einfach runter und guck mein kleines Stadtbeet an.Das macht sofort Mut,anders als sonstige Bemühungen.Sich beschenken lassen von Jeglichem ist auch tröstlich. Bei Dir verstehe ich nicht, dass Du Dich schlecht fühlst...Mit so einer direkten Verbindung zu Gott...herrzlichste Grüße von Sibylle
Sibylle Henning (Freitag, 19 September 2025 19:08)
Ich würde mal gerne mit Dir sprechen Christa,geht das?:[email protected] allesLiebe von Sibylle